Für eine Handvoll Złoty - Krankenschwestern-Proteste in Polen
Erschienen im Berliner Osteuropa-Info Nr. 15 (2000), S. 32-36.
Neuere Links zum Thema:
Ogólnopolski Związek Zawodowy Pielęgniarek i Położnych: www.ozzpip.nazwa.pl/
Portal Pielęgniarek i Położnych: www.pielegniarki.info.pl/
Leben und Arbeiten als polnischer Krankenschwester
Die Hypothek: Ein unterfinanzierter öffentlicher und ein grauer und privatisierter Gesundheitssektor
Verlauf der Proteste
Zwischen "bösen Mädchen" und traditionellem Frauenbild: Die Protestformen
Geldfluss ohne Kontrollmöglichkeiten
Blockade-, aber kaum Gestaltungspotential
Literatur
Anmerkungen
Typische Frauenberufe sind in der Regeln in Ost wie in West schlecht bezahlt. Die Verdienste polnischer Krankenschwestern sind aber besonders erbärmlich und erreichen nur in den seltensten Fällen die Hälfte des Landesdurchschnittslohns. Ihr Streik für höhere Löhne wie im Sommer 1999 in Polen macht da neugierig: Über sieben Wochen lang protestierten polnische Krankenschwestern und Hebammen, um zu erreichen, dass ihnen eine zweiprozentige Reallohnerhöhung und der 13. Monatslohn des Jahres 1998 ausgezahlt würde. Erschwert wurde dies dadurch, dass die Protestierenden von der Regierung diese Zusicherungen einforderten, die sich aber juristisch und politisch nicht verantwortlich fühlte, war doch mit Jahresbeginn 1999 neben drei weiteren Reformen auch eine soziale Krankenversicherung eingeführt worden, demzufolge nun Krankenkassen bzw. die Spitalverwaltungen Verhandlungspartner hätten sein müssen. Andere Gruppen hatten im vergangenen Sommer ebenfalls Zusagen für sich erkämpfen können, allerdings mit weniger Anstrengung: Am Tag nach der ersten großen Krankenschwesterndemonstration, am 24. Juni 1999, randalierten teilweise angetrunkene Beschäftigte einer defizitären Radomer Waffen- und Nähmaschinenfabrik vor dem Verteidigungsministerium, um ihrer Forderung nach ihren ausstehenden Löhnen und nach neuen Aufträgen Nachdruck zu verleihen. Die Polizei setzte Gummigeschosse ein, wobei ein junger Kameramann ein Auge verlor. Zehn Tage später wurden der Waffenfabrik Aufträge für Revolver zugesagt, während es früher geheißen hatte, die polnische Armee habe keinen Bedarf für die zu teure Ware.
In Polen gibt es etwa 250.000 Krankenschwestern und Hebammen. Nach einer Umfrage des Zentrums für Organisation und Ökonomie des Gesundheitswesen vom März 1999 verteilen sich die Löhne wie folgt:
bis 600 PLN 36% der Beschäftigten bis 700 PLN 31% der Beschäftigten bis 800 PLN 20% der Beschäftigten bis 900 PLN 7% der Beschäftigten über 900 PLN 6% der Beschäftigten
Diese Löhne sind in eklatanter Weise unabhängig von Anciennität, Ausbildung oder konkretem Arbeitsplatz. Als angemessen erachteten die Krankenschwestern mindestens eine Verdoppelung der Löhne zwei Drittel fordern bis zu 1500 PLN und nochmals ein Viertel bis zu 2000 PLN monatlich (Der Landesdurchschnittslohn liegt brutto bei etwa 1900 PLN, vgl. Rzeczpospolita vom 1. Juni 1999). Mit diesen Gehälter ist keine selbständige Lebensführung möglich. Schon ein Telefon bedeutet Luxus und viele ledige Frauen belegen im Wohnheim ein Doppelzimmer für etwa 200 PLN monatlich. Durch jahrzehntelange Unterfinanzierung ist die gesamte materielle und pflegerische Situation in den Spitälern angespannt. Die Ausstattung sowohl mit Grundinventar als auch mit modernem Gerät ist schlecht, Verbrauchsmaterial wird "bewirtschaftet". Die Hierarchien im polnischen Gesundheitswesen sind stark ausgeprägt. Ärzte legen sowohl gegenüber Krankenschwestern als auch Patienten häufig ein autoritäres, bevormundendes und paternalistisches Verhältnis an den Tag. Nicht selten werden die Rechte der letzteren auf Aufklärung, Beratung, vollständige Information und würdevolle Behandlung verletzt. In den letzten Jahren mehren sich allerdings Zeichen des Widerstands.(1)
Die Hypothek: Ein unterfinanzierter öffentlicher und ein grauer und privatisierter Gesundheitssektor
Wie andere Sektoren der Wohlfahrtsproduktion war das Gesundheitswesen im Nachkriegspolen verstaatlicht; Polikliniken, Spitäler und andere Einrichtungen wurden zentral gesteuert und staatsfinanziert (vgl. Götting 1998, Knieps 1998, Muszalski 1999: 217f.). Obwohl damit zum ersten Mal alle Bevölkerungsgruppen Zugang zu medizinischen Leistungen hatten, blieb das Gesundheitswesen im Laufe der Jahrzehnte hinter Bedarf, Bedürfnissen und medizinischen Möglichkeiten zurück. Große regionale Unterschiede in Niveau, Qualität und Verfügbarkeit medizinischer Leistungen sowie die Privilegierung bestimmter Personengruppen führte zu erheblichen Akzeptanzproblemen. Wesentlicher Grund war eine bleibende Unterfinanzierung dieses Sektors. Gesundheitsberufe wurden und werden im Gegensatz zu industriellen Produktionsberufen schlecht bezahlt. Seit den siebziger Jahren entstand ein grauer Markt für Gesundheitsdienstleistungen, der wie viele andere Sphären auch durch informellen Austausch geprägt war. Krankenhäuser verlangten "Gebühren" oder Ärzte legten Zuwendungen für bestimmte Operationen nahe bzw. verwiesen in späteren Jahren auf die eigene Privatpraxis, die sie als Bedienstete des staatlichen Gesundheitssektors nebenbei betreiben durften.
Verlauf der Proteste
Ende Januar 1999 besetzt die Krankenschwestern- und Hebammengewerkschaft (Zwiazek Zawodowy Pielegniarek i Poloznych, im Folgenden ZZPiP) mehrere Tage das Arbeitsministerium. Die Besetzung endet mit der Unterzeichnung einer Übereinkunft mit der Regierung, in der diese eine 2-prozentige Lohnerhöhung zusagt. Um den 13. Monatslohn für die Krankenschwestern zu zahlen, werden 150 Mio. PLN aus der Staatskasse bereit gestellt, die via Krankenkassen und Gesundheitseinrichtungen ausgezahlt werden sollen. Zu den weiteren Forderungen gehören Verhandlungen über Beschäftigungsnormen und Tarifverträge sowie eine Analyse der Finanzen im Gesundheitswesen und die Erhöhung der Beiträge.
Zwischen "bösen Mädchen" und traditionellem Frauenbild: Die Protestformen
Gut organisiert wurde der über siebenwöchige gewaltlose Protest von der Krankenschwestern- und Hebammengewerkschaft. Sie gehört zu den zahlreichen Gewerkschaftsneugründungen und besteht seit 1992. Mittlerweile sind in ihr fast 70.000 Personen zusammengeschlossen. "Früher war unser Milieu nicht organisiert. Wir konnten nicht wirksam um unsere Rechte kämpfen!" erklärt dazu die Vorsitzende Bo¿ena Banachowicz (Rzeczpospolita 10.-11. Juli 1999). Diese fast reine Frauengewerkschaft ist das organisatorische Rückgrat für die an sich schon sehr bemerkenswerte Tatsache, dass Tausende Frauen in einem Pflegeberuf öffentlich protestieren und damit Stereotypen herausfordern. Auf der Schwelle zwischen traditionellem Frauenbild und "bösen Mädchen" mussten sie überlegen, wie sie gesellschaftliche Akzeptanz behalten und gleichzeitig wirksam für die eigene Würde und ihr eigenes Überleben kämpfen konnten. Die Krankenschwestern beginnen mit Besetzungs- und Hungerstreiks. Ersterer ist eine typische Protestform der Solidarnoæ seit Anfang der achtziger Jahre 5 < und wird damit zumindest teilweise in diese Tradition gesetzt und so legitimiert 6 .Hungerstreiks sind in den Protesten des Gesundheitswesens der neunziger Jahre recht weit verbreitet. Sie erzeugen hohen moralischen Druck und sind auto-aggressiv "Seht her, Euretwegen müssen wir so sehr leiden!" Ausgeführt werden die Hungerstreiks in roulierendem Verfahren und häufig während des eigenen Urlaubs. Je länger die Streiks erfolglos andauern, desto verzweifelter werden die Beteiligten, die Entschlossenheit aber ist eisern, der Wille zum Erfolg reicht lang acht Wochen lang. "Wir sind billige Arbeitskräfte. Alle haben sich Geld erkämpft, die Ärzte, die Bergleute. Warum nicht auch wir? Wir bleiben hier bis zum Erfolg!" ("Prosto" 8). In Selbstdarstellungen ist eine starke Verzweiflung über die Lebenssituation zu spüren, in Gesprächen mit der deutschen Journalistin Bruder fingen alle Frauen irgendwann an, zu weinen (vgl. Bruder 1999, "Prosto" passim). Es geht ihnen um Würde, Anerkennung ihres essentiellen Anteils der Pflege im gesamten Heilungsprozess und um tragfähige Zukunftsaussichten (vgl. "Prosto" 4, Gazeta Wyborcza vom 18. Juni 1999).
Geldfluss ohne Kontrollmöglichkeiten
Mit der notwendigen Reform hat sich der polnische Staat formell der Verantwortung für ein modernisierungsbedürftiges und mit schweren strukturellen Mängeln und Disparitäten behaftetes Gesundheitswesen entledigt. Deren Steuerung wurde zwar dezentralisiert, aber die Unterfinanzierung vorerst festgeschrieben. Jadwiga Staniszkis spricht von einer Kommerzialisierung des Staates, der freiwillig und in beschleunigtem Tempo sich selbst seiner verbleibenden Steuerungsinstrumente beraube, sich seiner Verantwortung entziehe und öffentliche Aufgaben an Marktfirmen auslagere. Es gehe dabei sowohl die Kontrolle über immense Geldströme verloren als auch seine Koordinationsfähigkeit (Staniszkis 1999). Die Protestierenden entließen den Staat aber nicht aus seiner politischen Verantwortung, so dass sich der Staat zu Zugeständnissen gezwungen sah. Für diese Zugeständnisse werden Steuergelder in Bewegung gesetzt, über deren Verwendung aber nicht mehr der Staat, sondern einzelne Krankenkassen und Gesundheitsdirektoren zweckungebunden entscheiden, deren Mehrheit offensichtlich diese Mittel nicht für die Krankenschwestern verwendeten. In der Parlamentsdebatte über die Proteste vom 18. Juni 1999 (zitiert nach "Prosto" 13) brachte der konservative Ex-Premier Jan Olszewski das Problem auf den Punkt: "Es geht um öffentliche Gelder. Für dieses Geld ist die Regierung nicht nur gegenüber den Krankenschwestern verantwortlich. Sie ist vor der ganzen Gesellschaft dafür verantwortlich, vor uns allen, vor uns Steuerzahlern. Diese Gelder, die irgendwie auf dem Weg versickert sind, müssen sich wieder anfinden. Es muss so schnell wie möglich ein entsprechendes Kontrollverfahren durchgeführt werden."
Blockade-, aber kaum Gestaltungspotential
Als gebranntes Kind hielt sich die Gewerkschaft "Solidarność" bei den Protesten zurück und machte sich die Regierungsargumente zu eigen. Anfang Juli 1999 schlägt das Gesundheitssekretariat der "S" der Krankenschwestern-Gewerkschaft vor, sie solle sich doch der "S" anschließen, die seit April (!) mit den Direktoren der einzelnen Gesundheitseinrichtungen über Lohnerhöhungen verhandle (Rzeczpospolita 6. Juli 1999). Dieses illustriert die spezifische Position von Gewerkschaften in Polen: ihr Protest- und Blockadepotential mag groß sein, ihr konkretes Gestaltungspotential gerade auf betrieblicher Ebene tarifliche Übereinkünfte zu erreichen, ist eher gering (vgl. Havlovic/Moore 1997: 275). Gewerkschaften können in einem Betrieb nämlich lediglich die Interessen ihrer Mitglieder, nicht der Belegschaft vertreten. Sie sind bei Fragen der Beschäftigung, Entlohnung und Arbeitszeit zwar zu konsultieren, aber ein Mitbestimmungsorgan wie einen Betriebsrat gibt es in nichtstaatlichen Betrieben nicht. Gewerkschaften können lediglich auf betrieblicher Ebene Tarifverträge schließen, für überbetriebliche Vereinbarungen sind komplizierte hohe Hürden zu nehmen (vgl. Ziemer 1994, Sieg/Pruszczyk 1996, Romer 1996, Muszalski 1999). So versuchte auch die ja mit einem sehr guten Organisationsgrad ausgestattete ZZPiP vor allem, Ergebnisse und Erfolge durch Verhandlungen auf nationalstaatlicher Ebene zu erreichen. Über Erfolge bei betrieblichen Verhandlungen wurde in der Presse zwar immer wieder berichtet, ein Domino-Effekt blieb aber offensichtlich aus. Bedenkt man zusätzlich die großen Funktions- und Finanzprobleme des Gesundheitswesen, so sind die Aussichten für eine grundlegende Verbesserung der Situation der Krankenschwestern eher schlecht.
Auch 1½ Jahre nach Beginn der Reformen meinen zwei Drittel der PolInnen, das Gesundheitswesen funktioniere schlechter als vorher. 55% sind der Meinung, diese Reform nütze den Menschen nicht. Das ist die schlechteste Bewertung aller im letzten Jahr begonnenen Reformen.
Vereinzelt haben Krankenschwestern in einzelnen Spitälern seit dem Sommer 1999 wieder gestreikt, besetzt und protestiert. Zu einer größeren Protestwelle kam es genauso wenig wie zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Situation. Es bleibt gleichwohl der Fakt, dass sie mit ihren Protesten Solidarität und Durchhaltevermögen gezeigt und Ansprüche auf Würde und gesellschaftliche Anerkennung angemeldet haben.
Literatur
- Bruder, Franziska 1999: Minister an die Arbeit - für nur 500 Złoty. - in: "Freitag", Berlin. (Textfassung der Autorin).
- Centrum Badania Opinii Społecznej [Zentrum zur Erforschung der öffentlichen Meinung] Bulletins verfügbar unter http://www.cbos.pl/ am 20. Januar 2000.
- CBOS Februar 1999: Stosunek do protestów w sluzbie zdrowia. (Derczynski, Włodzimierz) Warszawa.
- CBOS September 1999: Opinie o strajkach i demonstracjach w obecnej sytuacji kraju. [Meinungen über Streiks und Demonstrationen in der gegenwärtigen Situation des Landes] (Wciórka, Bogna) Warszawa.
- CBOS Juli 1999: Opinie o protestach pielęgniarek. Akceptacja i ocena skuteczności różnych form protestu [Meinungen über die Krankenschwesternproteste. Akzeptanz und Beurteilung der Wirksamkeit verschiedener Protestformen] - (Wenzel, Michał). Warszawa.
- Ekiert, Grzegorz; Kubik, Jan 1998: Contentious Politics in New Democracies: Eastern Germany, Hungary, Poland and Slovakia 1989-1993. - In: World Politics 50, No. 4 (1998), 547-581.
- Götting, Ulrike 1998: Transformation der Wohlfahrtsstaaten in Mittel- und Osteuropa. Eine Zwischenbilanz. - Opladen: Leske + Budrich, 1998.
- Havlovic, Stephen J.; Moore, William M. 1997: Workers' Councils, Trade Unions and Industrial Democracy in Poland. In: Economic and Industrial Democracy, 1997, 261-287.
- Janicki, Mariusz: No to pogadajmy Na zapleczu Rządu zamontowano rozbudowaną apraturę do negocjacji [Na, dann reden wir im Hintergrund installiert die Regierung einen ausgebauten Verhandlungsapparat], in: Polityka No. 8 (2000), S. 26-27.
- Knieps, Franz 1998: Transformationsprozesse im Gesundheitswesen - Die Einführung einer sozialen Krankenversicherung in Polen. - In: Zeitschrift für ausländisches und internationales Arbeits- und Sozialrecht 12, No. 1 (1998), 11-20.
- Lemke, Christiane 1997: Protestverhalten in Transformationsgesellschaften. - In: PVS 38, No. 1 (1997), 50-78.
- Long, Kristi S. 1996: We all fought for freedom: women in Poland's solidarity movement. Boulder: Westview Press 1996.
- Muszalski, Wojciech 1999: Prawo Socjalne 99. - Warszawa: Wydawnictwo Naukowe PWN, 1999.
- PROSTO z Brackiej - Biuletyn prostestujących pielęgniarek i polożnych przed gmachem MPiPS [Direkt aus der Bracka-Straße Bulletin der vor dem Sozialministerium protestierenden Krankenschwestern und Hebammen] - Nr. 1-14. - Warszawa, 1999: Mai - Juli.
- Romer, Teresa 1996: Changes in the Polish Labor Code of 2 June 1996. Warszawa. www.ceeerc.uw.edu.pl/wwwpages/Romer.htm, war verfügbar am 3. Februar 2000
- Rzeczpospolita - Archiv erreichbar unter arch.rzeczpospolita.pl/szukaj/archiwum.pl - Gratisarchiv unter www.rzeczpospolita.pl/szukaj/gazeta_online.pl
- Sieg, Rainer; Prujszczyk, Maciej: Arbeitsrecht in Polen. - München: Rehm, 1996.
- Staniszkis, Jadwiga 1999: Komercjalizacja państwa [Die Kommerzialisierung des Staates] , in: Rzeczpospolita vom 17. Juli 1999.
- Ziemer, Klaus: Polens Gewerkschaften auf der Suche nach ihrem Platz im postsozialistischen System. - In: Industrielle Beziehungen 1, No. 3 (1994), 239-260.