Im Feld
Hier findet Ihr Berichte, die ich während meiner Feldaufenthalte in Polen 1999 und 2000 "nach Hause" geschrieben habe. Sie beschäftigen sich u. a. mit Verkehr, Alarmanlagen, Architektur sowie Handel und Wandel. Sie sind mittlerweile selbst ein historischer Einblick . Ich würde heute einiges anders schreiben, manche Dinge milder, andere aber pointierter sehen ...
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- Gepäck und Fortschritt
- Alltagsleben
- Lodsch oder Whudsch
- Acqua Alta
- Polizeitnotruf, bitte warten...
- Papamobil, Wegelagerei und Krankenschwesternstreik
- Als Sokratesdozentin in den verlängerten Winter
- Warschauer Fasnacht
- Internationaler Frauentag 2000
- Der wahre Tunneleffekt
- Tischgesellschaft
1. Gepäck und Fortschritt
Februar 1999: Computer sind immer noch doof: gestern verbrachte ich über eine Dreiviertelstunde auf dem Badischen Bahnhof in Basel, um eine Tasche Reisegepäck nach Warschau aufzugeben. Ergebnis: der Computer nimmt den Warschau als Destination nicht an. Also bin ich zum SBB. Da dauerte es weniger als 10 Minuten, alles mit der Hand, ohne Computer und gar nicht privatisiert. Trotzdem werde ich vermutlich als Packesel im Warszawa-Centralna einlaufen. Warum arbeite ich eigentlich nicht über italienische Frauenorganisationen, dann würde ich jetzt in die Wärme fahren.
April 1999: Seit fast vier Wochen kämpfe ich mit Konfigurationen, Infolinias und dem maroden Telefonnetz und kann trotzdem keine E-Mails schicken. Ergebnis ist jetzt ein eigenes E-Mail-Konto in Polen, für umsonst und Netzzugangszeiten am besten vor acht Uhr morgens.
Vorgestern habe ich meine Reisetasche in Empfang nehmen können, nachdem sie vorher noch eine Runde über Prag gedreht hat: weil die Gepäcktante in Basel SBB Praha auf den Gepäckschein geschrieben hat, obwohl ich doch immer nur von Warschau gesprochen haben - Osten ist eben Osten in der Schweiz. Naja, die Bahn hält meinen Kreislauf in Schwung. Abends fühle ich mich, wie sich eine Forscherin fühlen sollte. In einem der praktischen englischsprachigen Feldforschungsbücher steht: "After a day in the field, a good researcher feels mentally and emtionally exhausted". So ist es!
Juli 1999: Nach getaner Arbeit erzähle ich Euch noch einen Bonbon. Wie Ihr wisst, sind Frauen mein Lieblingsthema, aber es gibt auch andere Themen, zu denen ich durch die Wirklichkeit gezwungen werde. Treue LeserInnen ahnen es: es geht um die Bahn.
Sonntag hatte ich zwei schwere Taschen mit Büchern und Klamotten gepackt Mein Mitbewohner Rainer fuhr mit mir zum Bahnhof. Dort aber hieß es: "Nein, internationales Reisegepäck ist seit 1. Juli jetzt in Warszawa-G³ówna. Das macht jetzt eine Extra-Firma!" Schauder! Das bedeutet ziemlich sicher: es klappt nicht. Ich rekognosziere das Terrain am Warszawa Glówna, einem Bahnhof für Nahverkehrszüge, wo "REMONT" ist, aber erst am Montag mache ich mich auf, die genauen Bedingungen in Erfahrung zu bringen. Ich werde von Putzfrauen und Gapelstaplerfahrern immer weiter geschickt, nirgendwo hängt eine Information - bis ich durch eine Tür des Zollamtes komme und vor mir ein Touristenpaar sitzt, das viele Papiere ausfüllen muss, damit sie ihre Fahrräder einführen dürfen. (Hat man schon mal gehört, daß Autofahrer ihr Auto zollamtlich abfertigen lassen müssen? Das Geheimnis liegt darin, so klärt mich meine Freundin Hanna auf, dass das Fahrrad von einem Transportmittel zur Ware wird, sobald man nicht mit dem Arsch auf dem Sattel die Grenze überquert.) Nein, in die Schweiz könne ich mein Gepäck nicht schicken - fast alle Verträge mit europäischen Bahnen seien anulliert worden; höchstens nach Wien gäbe es noch Reisegepäck. So schält sich nach einigen weiteren Stationen die Post für den dreifachen Preis als wahrscheinliche Alternative heraus. Mit Hanna machte ich mich heute per Taxi zum entsprechenden Postamt auf. Auf dem Landweg, also mit Packeseln, kann es schon einen Monat dauern, bis die Pakete ankommen. Wenn sie ankommen denn ich habe sie schließlich schon aufgegeben.
August 1999: Ihr erinnert Euch vielleicht, dass ich mich das letzte Mal aus Warschau gemeldet habe, nachdem ich zwei Postpakete mit 35 kg Büchern gepackt hatte. Dann bin ich nach Berlin gefahren, um einige Tage in einer deutsch-polnischen Kulturschleuse zu verbringen, ich war nämlich einige Tage bei den Barelkowskis. Da sass ich dann am geöffneten Fenster und sog die Berliner Luft ein - hmm, so eine guute Luft bzw. umgekehrt: so eine miese Luft in Warschau! Nach einer Woche kam ich dann in Basel an und siehe da, meine Pakete waren schon da. Nur ein kurzer Gang zum Postamt und ich konnte auspacken. Toi, toi, toi! Meine Beschwerdebriefe über die Gepäckarien an die Bahn haben mir vor ein paar Tagen übrigens einen Gutschein über 50 DM ins Haus gebracht.
2. Alltagsleben
Mein Umfeld: ich wohne in Stara Praga, auf der berüchtigten anderen Seite der Weichsel. Bis zum Rondo De Gaulle am Anfang der Nowy Świat sind es aber nur 12 Strassenbahnminuten, damit können nicht viele Leute konkurrieren. Gefährlich ist es in Praga auch eher für Leute, die nicht hier wohnen: Autos aus Praga z. B. werden eher NICHT aufgebrochen. Die Geschäftsleute wissen, wo man was bekommt- aus einem Haushaltsladen, wo ich nach Schrankpapier fragte, wurde ich an einen Papierladen in einer Seitenstrasse verwiesen, den ich niemals gefunden hätte. Als ich auf Empfehlung meine tollen Bally-Schuhe aber zum Besohlen ins tiefste Praga zu einem Schuster brachte und ich dann noch einmal um den Pudding lief, wurde mir doch etwas mulmig: arme Leute, AlkoholikerInnen auf der Strasse und kleine, ärmliche Geschäfte. Die polnische Telekom hat hier 100m von hier ein Servicezentrum (mit Internet-Terminal, Termin 10 Tage im voraus machen). Als ich dort mein Modem-Problem schilderte, gab mir der Verkäufer zwei Adressen von Elektronik-Zubehörläden, einen ebenfalls um die Ecke. Die resolute Verkäuferin hörte sich mein Problem an (und war nicht im mindesten erstaunt, dass ich irgendwie einen Adapter brauche) und verkaufte mir dann einen Stecker ("Mädchen, der kostet 30 groszy, das ist kein Vermögen, das kann man sich erlauben!"). Gestern ging ich dann zu Vobis - probieren kann man es ja mal. Dem dortigen Verkäufer schilderte ich mein Anliegen, auch er nicht erstaunt und dann erklärte er mir geduldig, mit dem Kabel, das er von hinten holte, sei alles gar kein Problem. Womit er recht hatte. Und das Kabel war erst noch umsonst: "Ach, proszę Panią, das ist doch so ein Reservekabel!"
Ich entdecke so ein bisschen das Alltagsleben, gucke nach guten Geschäften, prüfe Marktstände, gucke Nachrichten (polonozentrisch, muss mal prüfen, ob die Tagesschau auch germanozentrisch ist) und lese Zeitung (nur eine, mehr schaffe ich nicht). Am 8. März war also meine erste Konferenz über polnischen Feminismus, eine Woche später die nächste. Ich habe ich mich mit der einzigen feministischen Theologin in Polen getroffen, die ich schon im November kennengelernt habe - und es stellte sich heraus, dass sie 1990/91 GFPS-Stipendiatin in Regensburg war!!! Ich finde, wir haben schon tolle Leute gefördert.. Vorgestern hatte ich mein erstes Interview mit Izabela Jaruga-Nowacka von der Frauenliga. Das Gespräch ist super gelaufen, weil sie sehr interessiert an meinem Thema ist und mir gleich angeboten hat, ich könnte auch Regionalgruppen besuchen. Die Transskription des Interviews bereitet mir aber Kopfschmerzen, die Tonqualität ist nur für MuttersprachlerInnen ausreichend. Mal sehen, ob ich doch jemanden engagieren kann, denn gestern habe ich durch einen Anruf beim DAAD erfahren, dass ich für immerhin drei Monate ein Stipendium bekommen habe! Yeah! Heute abend gehe ich ins Infozentrum für Frauenorganisationen, weil dort eines der vielgelobten Gespräche stattfindet - diesmal über SEX!
3. Lodsch oder Whudsch (April 1999)
Ich kann über etwas berichten, das die Cineastinnen und die Architekt(liebhaber)en unter Euch vor Neid erblassen werden. Ich wardieses Wochenende in Lodz (whudsch). Und zwar auf einer Konferenz über Gender, Theater und Kino. Und weil nicht alles gleich interessant war, konnte ich mir die Stadt ein bisschen angucken ich stehe ja total auf Industrieromantik. Schon am Bahnhof mit dem schönen und treffenden Namen "Łódź-Fabryczna" konnte ich eine Frau ausmachen, die auf weitere Konferenzteilnehmer wartete und mich mit dem Auto mitnahm. Nach und nach tauchten auch die deutschen Konferenztiere aus Warschau auf und ich lernte eine paar nette Leute kennen und verteilte alle meine mitgenommenen Visitenkarten. Łódź war DAS Textilzentrum im russisch besetzten Polen und entwickelte sich ziemlich früh im 19. Jahrhundert. Der Schlüsselroman dazu ist "Das gelobte Land" von Władysław Stanisław Reymont, eine Geschichte über die Männerfreundschaft zwischen einem Polen, einem Deutschen und einem Juden, die in Łódź Geschäfte machen. Verfilmt wurde es von Andrzej Wajda und es zeigte sich, dass ein Referat gerade um die Konstruktion der jüdischen Frauenfigur in "Das Gelobte Land" ging. Wajda ist wirklich unglaublich, unglaublich stereotypenbildend!
Aufgrund dieser Wirtschaftsgeschichte gibt es in Łódź MITTEN in der Stadt tierisch viele riesengrosse Fabrikgebäude, viele alte Wohnhäuser mit schlechtem Standard (Łódź wurde nicht zerstört) und jede Menge repräsentative bürgerliche Wohnhäuser und Fabrikantenpaläste. Im protzigsten, grössten, dem Pałac Poznański, fand der offizielle Empfang zu Konferenzbeginn statt. Putten, Plüsch und Plattgold! Der Realsozialismus hat Spuren hinterlassen, in der Innenstadt aber nur relativ wenige, alle im Sinne eines sozialistischen Heimatschutzstils (draussen soll es massenweise Plattenbauten geben). Die Textilbetriebe sind nach der Wende fast alle Pleite gegangen; man kann aber in Polen weiterhin Klamotten "made in Łódź" kaufen. Die offizielle Arbeitslosenrate liegt im Landesdurchschnitt; einige Leute fahren aber jeden Tag nach Warschau zum Arbeiten (1 3/4 Std. mit dem Zug, mit dem Auto etwas weniger).
Die Uni in Łódź hat gerade eine Armutsstudie vorgestellt, aus der hervorgeht, dass es Ansätze zur Ghettobildung gibt, denen man aber mit der Sanierung von Häusern und verbesserten Sozialdiensten begegnen kann. Es gibt viele "kriminelle" Jugendliche; die Polizei kommentierte gegenüber den ForscherInnen dazu "Wir wissen, dass er stiehlt, wir wissen aber auch, dass er hungrig war." oder "natürlich ist es verboten, dass ein 14-Jähriger Nachtschicht in einer Bäckerei macht, aber er trägt damit massgeblich zum Familieneinkommen bei". Ich war in einer frühen Werkssiedlung, ganz in Backstein gehalten, direkt neben Fabrik und Villa. Heute habe ich noch mit zwei Frauen diese Villa besichtigt und das dortige Personal zeigte sich engagiert und auskunftsfreudig. Aus dem fiesen Kapitalisten des Realsozialismus wurde in der Erzählung eines Wachmannes nun der pater familias, der philantropische Unternehmer und die Fabrikantenfamilie zur Kulturbringerin für Łódź. Irre, sage ich Euch, irre! Die Stadt ist abends viel belebter als Warschau, es sind jede Menge Leute unterwegs, es gibt tierisch viele Kneipen, die nett und verraucht sind, nicht diese snobistischen Einsprengsel wie hier, die auch noch um elf (!) zumachen. Eine Fahrkarte von Warschau nach Łódź zum Partymachen hat sich schon nach wenigen Bieren amortisiert und viele WarschauerInnen sollen es am Wochenende tatsächlich so halten. Ich habe das Gefühl, Łódź könnte mit seiner Filmhochschule, seiner Uni und den vielen ateliertauglichen Industriebrachen was ganz Tolles werden. Außerdem gibts Arbeit für Sozial- und WirtschaftshistorikerInnen!
4. Acqua Alta und Sonne im Feld (April 1999)
Hier scheint die Sonne volle Pulle, aber das war vor 10 Tagen noch ganz anders. Vor 10 Tagen gab es Schneeregen, vermischt mit Hagel und sonstigen ergiebigen Regenfällen. Aufgrund der Errungenschaften polnischer Strassenbaukunst herrscht dann auf allen Wegen acqua alta, d. h. es bilden sich auf Straße und Bürgersteig riesige Pfützen, die zu überwinden manchmal ein großer Schritt nicht reicht. Dann heißt es: Abstand halten, wenn ein Bus vorbeifährt, sonst freut sich die Reinigung. (Die beständige Lektüre des Lokalteils erbrachte dann für Warschau des Rätsels Lösung: Ende des 19. Jahrhunderts hatte der damalige russische Bürgermeister Warschaus, Starzyñski, den britischen Ingenieur William Lindley beauftragt, ein Kanalisationssystem zu projektieren. Das tat er, wie er es etwa auch schon für Hamburg getan hatte. Leider ist das ein einrohriges System, d. h. Abwasser und Regenwasser fließen in einer Röhre. Und weil heute mehr Leute viel, viel mehr Wasser als früher verbrauchen, sind die Röhren bei einem Regenschauer bald mal proppenvoll und laufen über.)
Mit solchen Gedanken im Kopf kam ich dann mit Regenschirm und kurzem Rock und ziemlich genervt zum "Forum katholischer Frauen", wo ich ein Interview mit der Vorsitzenden führte. Interessant dabei: auch diese katholischen Frauen haben keinen Kontakt mit dem "Regierungsbeauftragten für Familienangelegenheiten" - dieser Kazimierz Kapera ist so fundamentalistisch, dass er selbst von glühenden Katholikinnen politisches Engagement ablehnt. Was für ein Land! Auf einem GFPS-Treffen vorgestern redete ich mich verschiedenen Leuten darüber und ein Deutscher bemerkte, ich hätte diesen typischen frustriert-empörten Tonfall drauf, mit dem Deutsche unabänderliche Scheußlichkeiten in Polen kommentierten.
Letzte Woche fuhr ich dafür nach Bydgoszcz, in die Beschäftigungs-Werkstatt für Geistigbehinderte der Liga Kobiet Polskich. Die Chefin holte mich am Bahnhof ab, zeigte mir die Werkstätten, frühstückte mit mir, hatte ihre Vorstandskolleginnen eingeladen, mit denen wir Mittag assen, fuhr mich zur stellvertretenden Bürgermeisterin, die ich interviewte, zeigte mir die Stadt, setzte mir die Fachleute des Vertrauenstelefons vor die Nase, wobei ich das Tonband anstellte, konnte beobachten, wie eine Aktivistin der "Gesellschaft Armee-Familie" die älteren Damen der Gymnastikgruppe agitierte, nahm mich zu sich nach Hause, machte Abendbrot, mir ein Bett. Tja, und dann konnte ich nach 12 Stunden ausatmen - zum Notizen machen kam ich sowieso fast nur auf dem Klo. Am nächsten Tag konnte ich dann Gespräche mit Therapeutinnen in den Werkstätten führen, Berichte, Protokolle und Beschlüsse durchsehen. Ich war überwältigt von dieser Bereitschaft, mir Informationen zu geben, von der Selbstverständlichkeit, auch Internes anzugucken wie etwa Budgets. Ausserdem sind diese älteren Frauen, die dort aktiv sind, von einem Hilfe-Ethos beseelt, der nicht einfach ein Helfersyndrom ist. Mehrmals sagten sie "Indem wir anderen helfen, helfen wir uns selbst". Und: nicht einmal fiel das Wort Feminismus. Viele kennen sich noch aus realsozialistischen Zeiten. Die Vorsitzende z. B. kam erst 1992 zur Liga, hatte aber als junge Ehefrau dort Kurse im Nähen, Sticken, Knüpfen und in Haushaltsführung belegt und war der Liga dafür sehr dankbar.
Eigentlich war noch ein Gespräch mit der Wojewodschaftsbeauftragten für Behinderte und Familie geplant, die hatte aber doch keine Zeit, weil sie gerade ein Gespräch mit einem Jugendlichen führte, der aus einer Sekte abgehauen ist. Sekten schiessen hier wie Pilze aus dem Boden, jedenfalls für polnische Verhältnisse und es ist ein heisses Thema, warum viele Jugendliche darauf abfahren. Eine häufige Erklärung ist, dass die Eltern nur ans Geldverdienen denken und nicht mehr mit ihren Kindern sprechen, sondern ihnen nur Sachen kaufen. Wird es dagegen irgendwann mal eine Rebellion geben? "West-1968" in Polen gegen die bunte Warenwelt?
Auf dem Rückweg nach Warschau hatte ich ein interessantes Erlebnis. Ich setzte mich in die 1. Klasse, weil die 2. Klasse voll mit Pendlern und Rekruten war. Eine Bettlerin ging durch den Zug, relativ jung, hatte sich mit Papier ein Brillenglas zugeklebt. Sie kam auch an unser Abteil und liess ihr Sprüchlein los. Ich war ziemlich genervt und guckte angestrengt in meine Zeitung, wie die anderen Frauen auch. Im Gang stand auch noch ein "Mann in den besten Jahren" und fing plötzlich an, der Bettlerin Vorwürfe zu machen: Was sie denn betteln würde? Ihr eines Auge sei doch gesund, das sei alles nur gespielt! Ach, ihr Arzt sei schlecht? " Dann wechseln Sie doch den Arzt! So eine Frechheit, hier zu lügen!" Tja, und das wiederum fand ich so kaltschnäuzig von diesem Arsch, dass ich vier Zloty aus meiner Manteltasche holte und der Frau gab, die dann ihres Weges ging. Zu dem Mann sagte ich, dass es eigentlich egal sei, ob das Auge gesund sei oder nicht, das Betteln falle ihr bestimmt nicht leicht und wer bettle, dem ginge es wirklich schlecht. Nein, er würde diese Leute kennen und die würden mit dem Betteln ja soviel Geld verdienen, alles nur gelogen usw. Ob er denn der Meinung sei, es gäbe in Polen keine Armut? Doch, es gäbe Armut, aber ich würde mit meiner Gabe nur dafür sorgen, dass diese Leute auch weiterhin nicht arbeiteten. Ich habe diese gewisse Kaltschnäuzigkeit, diese Ungnade gegenüber Armen schon mehrmals hier beobachtet - die Armen sind an der Armut schuld, sie sind quasi verloren, das ist eben der Rand der Gesellschaft. In diese Kategorie gehört z. B. auch, meinen Stadtteil Praga gefährlich zu finden - Arme klauen eben. Dabei gibt es in Praga keine Gang der organisierten Kriminalität wie in anderen Stadtteilen, die sich bekämpfen und demoralisierte Jungmänner überfallen PassantInnen auch überall. Praga zeigt eben das andere Gesicht des Postkommunismus, das man gerne wegdrücken würde. Und das geht, indem man den Armen selbst die Schuld gibt.
So, und jetzt gehe ich in den Park (mit der Zapfstelle für nicht schwermetallbelastetes Wasser), wo ich auch ab und zu joggen gehe, ohne überfallen zu werden, weil 90% der Parkbenutzer auf ihre Angeln gucken!
5. "Polizeinotruf, bitte warten ..." (Juni 1999)
Es wird langsam wieder Zeit für ein Lebenszeichen - das Wetter hat sich seit dem letzten Brief sehr gebessert, ich bin ein bisschen abgeklärter, aber auch abgearbeiteter. Zuerst will ich erzählen, was es mit dem Titel des Briefes auf sich hat:
vor etwa zehn Tagen hatte ich Besuch - meine Schwester und ein Kollege - und als wir aus der Stadt zurückkamen, tutete die Alarmanlage eines Mercedestransporters vor meiner Wohnung. Und sie tutete und tutete und tutete - bis morgens um acht und niemand tat etwas dagegen, wo doch die 24-Std.-Tankstelle gleich gegenüber ist. Um halb eins guckte ich im Wörterbuch nach, was "Alarmanlage" genau heisst und entschloss mich, die Bullen anzurufen, denn wir konnten nicht schlafen. Beim ersten Mal war besetzt, beim zweiten Mal landete ich in der Warteschlange, wo ich es 2 Minuten aushielt und ich dann Ohropax in die Ohren stopfte. Tja, und wenn ich nun einen echten Notfall gehabt hätte? mein Kollege meint zwar, sowas käme in Deutschland auf dem Land auch öfter vor, bei solchen Gelegenheiten werde ich aber boshaft und denke: "Aber in die EU wollen!"
Der Verkehr hier ist für mich die perfekte Versinnbildlichung des Postkommunismus bzw. Neoliberalismus: es wird viel, viel aggressiver gefahren als noch etwa 1991 (wo Hanna, Paul und ich auf unserer Präservativ-Verkaufs-Fahrradtour in Świnoujście fast polnischen Boden geküsst hätten, weil die Leute langsamer und mit mehr Abstand fuhren als in der Ex-DDR). An einer Ampel halten Rechtsabbieger gar nicht an, sondern fahren nur langsamer, um dich über die Strasse zu scheuchen und selbst keine Zeit zu verlieren, schnell, schnell. Alle "schützen" ihr Eigentum mit Alarmanlagen unterschiedlichster Melodien und Ausdauer (s.o.), aber niemand kümmert sich, wenn der Alarm eines fremden Autos losgeht. Man sieht fast keine alten Mercedesse, die gebraucht im Westen gekauft wurden, sondern vornehmlich (asiatische) Neuwagen. In der Tram kommt es häufig vor, dass die Leute erst einsteigen wollen (eigentlich ungewöhnlich für eine Millionenstadt), bevor alle ausgestiegen sind. Im Supermarkt werde ich andauernd angerempelt. Wahrscheinlich - erwähnte ich es schon? - werden die Kinder von heute mal eine "68er-Rebellion" gegen den Konsumismus ihrer Eltern anzetteln. Zu einer Rebellion gegen den Moralismus könnte auch beitragen, dass der Papst irgendwann von uns geht und der "polish catholic exceptionalism" seinen Hauptpfeiler verliert.
In Krakau, wo ich zwei Tage im Frauenzentrum zu tun hatte, ging ich noch einen Rock kaufen (runtergesetzt!), allerdings aus Westproduktion, denn die polnischen Röcke passen (!) und gefallen mir nicht. So sah ich zwei neureiche Tussen mit mir durch die Boutiquen streifen, mit der einen Hand das Handy haltend, laut hineinsprechend über die weitere Planung des Tages, mit der anderen Hand durch die Klamotten fahrend, als wäre es der eigene Kleiderschrank - ist das nicht verrückt? Es kommt mir so verrückt vor, weil es eine andere Seite gibt: Leute, die ruhig sind, die betteln gehen müssen; die ihr ganzes Leben lang schwer gearbeitet haben, jetzt eine kleine Rente bekommen, krank werden und weil es ja nun ein neues System ist, ihre teuren West-Medikamente selbst bezahlen müssen, kurz: die angeschissen sind. Die Kommentare zu "10 Jahre Runder Tisch / Freiheit / Ende des Kommunismus" sind denn auch nachdenklich, nicht triumphierend, sondern abwägend: wir haben die Freiheit gewonnen, aber haben soziale Probleme / die Bildungssituation ist katastrophal" u. ä.
6. Papamobil, Wegelagerei und Krankenschwestern (Juli 1999)
Nun gibt es sicher den vorletzten, aber vielleicht auch schon den letzten Brief aus Warschau. Vor einem Monat etwa war ja der Papst hier und hier war Ausnahmezustand, die Nachrichten langweilig. Drei Tage war der Papst in Warschau, in dieser Zeit war ich in Berlin; der gesamte Verkehr wurde umgeleitet - Rainer, der ja kein Morgenmensch ist, stand eine Stunde früher auf, um überhaupt zur Arbeit zu kommen. Am Tag der Papstankunft war ich bei einer Filmvorführung. Später gingen wir noch was trinken: für 8 Zloty war es möglich, eine Flasche Pilsner zu bekommen. Dieses Bier hat nämlich nicht mehr als 4.5 Umdrehungen. Stärkere Alkoholika durften zur Zeit des Papstbesuches nicht ausgeschenkt oder verkauft werden, das ist nicht das erste Mal so. Dann machte ich mich mit Franziska durch einen lauen Abend auf den Weg zum Centralna, weil sie dort Besuch abholen wollte. Die Strassen wie ausgestorben, niemand unterwegs. Am Statistischen Hauptamt, wo die Strasse die tiefergelegte "Trasa Łazienkowska" kreuzt, gab es eine Straßensperre und niemand durfte die Trasa überqueren, auf der der "Heilige Vater" mit einer Stunde Verspätung langfahren sollte. Darauf achteten Polizisten und freiwillige Ordner mit Marienabzeichen am Revers, die höflich, aber bestimmt und unfreundlich waren. Nicht mal auf die Straße durften wir treten. Franziska war ziemlich wütend - sie kommt aus einer katholischen Familie, die aus der Kirche ausgetreten ist - ich konnte eine eher ethnographische Haltung einnehmen. Ich machte Fotos und nach 15 Minuten kam der Konvoi angefahren. Nun durften alle ans Geländer treten und versuchen, unten einen Blick aufs Papamobil zu erhaschen. Die Moral von der Geschichte: die ganzen Straßensperren (2 Stunden vorher den Fahrweg des Papstes, eine Stunde vorher alle Straßen, die ihn kreuzen) sind symbolische Politik, um die Wichtigkeit des Besuches zu unterstreichen. Es geht erst in zweiter Linie um Sicherheit, denn sonst hätten uns die Polizisten nicht an den Konvoi herankommen lassen.
Echte Wegelagerei
In Berlin tagte die GFPS-Polska-Auswahlkommission und auf dem Rückweg nahm ich einen späteren Zug als geplant. Ich fand ohne Probleme Platz. In Polen stempelte der Schaffner meinen Zuschlag ("kasować" auf Polnisch) und behauptete dann, der sei nicht gültig, weil für einen anderen Zug ausgestellt, ich bräuchte einen neuen, das Geld könne ich mir dann ja in Warschau von der Fahrkartenausgabe zurückgeben lassen. Ich hielt dagegen: das sei unlogisch, zwischen Krakau und Warschau hätte ich es schon anders erlebt, ausserdem hätte er den Zuschlag doch jetzt akzeptiert mit seinem Stempel und ich würde keinen neuen kaufen. Ob er mir die Vorschriften zeigen könne, wo das mit dem Zuschlag drinsteht ? "Ich bin nicht dafür da, Ihnen diese Vorschriften zu zeigen!" - "Bei uns ist das anders, da müssen die Schaffner die Vorschriften bei sich haben." Er ging dann mit meinen Fahrkarten weg und murmelte etwas wie "Dann regeln wir das mit dem Reisepass" (d. h. Personalien feststellen, Transportpolizei etc.) Kurz vor Poznañ kam er zurück, ich weigerte mich weiterhin, vor allem auf das Argument des schon abgestempelten Zuschlags gestützt und dann - dann ging er seines Weges, mit den drohenden Worten, er würde sich an mich erinnern und nur dieses eine Mal.... Fazit: hier war ein ECHTER, selbständiger Wegelagerer am Werk, denn sonst wäre er nicht abgezogen. Ich bin stolz auf meine Polnischkenntnisse!
Krankenschwestern-Streik:
Ein wichtiges Ereignis hier ist der Streik der Krankenschwestern, über den ich sehr sehr viel erzählen könnte. Vielleicht nur so viel: seit 1. Januar gibt es hier Krankenkassen, die lohnprozent-finanziert sind. Diese Beiträge reiche nicht aus, aber die Regierung ist ihre Verantwortung los, sagt sie (auch darüber wäre viel zu erzählen). Die Krankenhäuser machen jetzt Verträge mit den Krankenkassen. Effekt ist, daß die Krankenschwestern und Hebammen in vielen Fällen weniger verdienen als früher. Der Durchschnittslohn liegt bei 600 PLN, das sind 300 DM und ist zum Leben zuwenig. Seit 7 Wochen läuft ein Hungerstreik vor dem Sozialministerium, seit vorgestern hungerstreiken zusätzlich 30.000 Krankenschwestern von insgesamt 250.000 in ihren Spitälern. Am 23. Juni demonstrierten 20.000 Frauen bei strömendem Regen durch die Warschauer Innenstadt, die größte Demo seit Monaten, bis zum Sejm. Bullen waren kaum zu sehen. Gestern liefen etwa 8000-10.000 Krankenschwestern vom Sejm zum Ministerrat, wo sie eine Sitzblockade begannen. Diesmal waren viele Bereitschaftspolizisten da (vom Alter her die Söhne der Demonstrantinnen), bewaffnet, behelmt, beritten. Der Konflikt eskaliert also! Allerdings muß man noch hinzufügen, daß am Tag nach der ersten Demo betrunkene Waffenarbeiter aus Radom vor dem Verteidigungsministerium demonstrierten (ihr Betrieb ist defizitär, Löhne stehen aus). Die Polizei setzte Gummigeschosse ein und schoß dabei einem 22-jährigen Fotoreporter ein Auge aus. Daher wohl die Nervosität. Das Ergebnis dieser Demo ist, daß die Regierung Knarren und Munition in Radom bestellt hat, obwohl die Armee diese gar nicht richtig braucht. Am Nachmittag wurde endlich eine Delegation von Buzek empfangen, aber alles endete in einem Fiasko, weil die Regierung keine schriftlichen Garantien geben wollte. Die Stimmung auf beiden Demos war friedlich, untereinander solidarisch, aber auch entschieden: "so geht es nicht weiter!" Mich beeindrucken diese Frauen stark und ich glaube, daß es eben doch Frauensolidarität in Polen gibt (und jede Menge soziales und kulturelles Kapital unter den Krankenschwestern!), auch wenn das vom feminsitischen Milieu bestritten wird. Das Milieu hat sich übrigens keinen Deut mit den Krankenschwestern solidarisiert - einzig die Familienplanungsföderation hat eine Soliadresse geschickt. Ich kann nur vermuten, daß dies am Politikverständnis und am Horizont der organiserten Frauen liegt. Ich werde versuchen, das herauszubekommen. Auf alle Fälle bedeutet es splendid isolation. Die Krankenschwestern streiken verzweifelt und niemand spricht mit ihnen, weil alle sagen, sie seien nicht zuständig. Die Waffenarbeiter randalieren, die Bergarbeiter husten (solidarisieren sich aber mit den Krankenschwestern) und die Regierung reagiert. Es spricht natürlich niemand aus, aber das ist Sexismus.
Mehr zum Krankenschwesternstreik 1999 findet Ihr in meinem Text "Für eine Handvoll Złoty".
7. Als Sokrates-Dozentin in den verlängerten Winter (Februar 2000)
Nun bin ich also in den verlängerten Winter gefahren, um unserem Sokrates-Austausch den richtigen Kick zu geben – nicht nur polnische Studierende kommen zu uns nach Hannover, nein, auch DozentInnen aus Hannover finden den Weg nach Warschau. Ich lehre hier zu "Politischer Partizipation von Frauen in
Was geblieben ist und was sich verändert hat: Ich wohne diesmal direkt in der Stadt, in der Nähe des Plac Konstytucji, eines der schönsten Monumente des Stalinbarock bei einer Freundin im Altbau.
Auf dem Foto ist der Platz bei Nacht zu sehen. Die Wege sind kurz, die Straße ist ruhig - keine Laster brettern um die Ecke, keine Tram rumpelt-pumpelt über die Weichen. Nur ab und an fiept ein Auto-Alarm zaghaft durch die ulica Lwowska. Vor einigen Tagen allerdings habe ich Scheibenklirren gehört und zwei Jugendliche weglaufen sehen, die wahrscheinlich ein Autoradio oder so geklaut haben. Meine Reaktion darauf: "Hoffentlich hört bald der Auto-Alarm auf". Sowieso ist die Presse voll mit beunruhigenden Berichten von unfähigen bzw. bestechlichen Polizisten, von Auto-Entführungen, bei denen die telefonischen Lösegeldforderungen aus dem Polizeipräsidium kommen usw.
Die soziale Situation verschärft sich - viel Inflation, 13% Arbeitslosigkeit. Einige sind der Meinung, Balcerowicz sei der einzige Mensch, den man erschießen sollte. Andere wiederum - eine echte FOAF - behaupten, sie hätten gehört, dass Parteifreunde von Balcerowicz ihm schon wiederholt nahegelegt hätten, sich psychiatrisch behandeln zu lassen, weil er sich da in seine liberalen Wirtschaftstheorien verrannt habe und doch sehr der Wirklichkeit entfremdet sei.
Bei der Krankenversicherungs-Reform hat man die Ausländer vergessen - wer nicht anerkannter Flüchtling ist und keinen polnischen Pass hat, kann nicht Mitglied einer Krankenkasse werden - weder Erwerbstätige noch Angehörige von erwerbstätigen Polen. So gibt es Fälle, wo ein polnischer Ehemann Geld für die Entbindung seines Kindes beiseite legen musste, weil seine Frau Ausländerin ist. Mann, ey, auf so eine Idee muss man erstmal kommen, dass die Versicherung nur für Leute polnischen Blutes zugänglich ist. Das soll jetzt geändert werden, vermutlich im Herbst.
Am Warschauer Ostbahnhof, meinem geliebten, ist in einem alten Kesselhaus der Bahnen ein Obdachlosenasyl eingerichtet worden von MONAR (Initiative von Marek Kotanski, der schon seit den frühen 80er Jahren viel für Obdachlose, HIV-Infizierte, Drogenabhängige gemacht hat, meist mit Spenden und viel Eigenarbeit). Die Obdachlosen habe das ganze Gebäude renoviert, Scheiben erneuert und sogar eine Zentralheizung installiert. 86 Männer wohnen dort ständig, 200 kommen zum Schlafen und pro Tag werden etwa 1000 Portionen Suppe ausgegeben, auch an die Ärmsten des Stadtteils Praga. Die Bahn (PKP) hat nur den Mietvertrag nicht verlängert, angeblich wegen Mietschulden (angeblich geht es dabei um 2500 DM). In Wirklichkeit hat sich die PKP von diesem Haus eine Lösung des Obdachlosenproblems auf dem Bahnhof versprochen, ist aber enttäuscht, weil dieses Haus und die Suppe natürlich die Leute anziehen. Der Leiter des Hauses sagt 1. Kotanski gäbe ihm keine Kohle für die Miete 2. die Sanitärvorschriften kann er nicht erfüllen, er führe schließlich keinen Gastrobetrieb, sondern nähre die Armen 3. die Obdachlosen könnten doch die Mietschulden abarbeiten, in dem sie den Bahnhof putzten. Vielleicht ist MONAR nicht immer professionell (alle haben da einen ziemlichen Helferkomplex, ich habe mit dem Institut für Sozialpolitik mal eine Siedlung besichtigt), aber da ist doch tierisches Potential - Obdachlose renovieren eine völlig verwahrloste Liegenschaft - wenn Gemeinde, Monar und PKP zusammenarbeiten würden, könnte sich für die Obdachlosen eine echte Perspektive öffnen. Und warum sollte man diese nicht zu "Interventionsarbeiten" heranziehen, eine Art öffentliche ABM???
Tja, mein geliebtes Praga - am ersten Tag meines Aufenthaltes ging ich zu "meiner" Friseurin, die mich wiedererkannt hat und gewohnt klasse die Haare schnitt. Die Frisur hat allerdings etwas gelitten, weil ich wg. Schneeregen meine beretka tragen muss. Im Elektronikladen meines Vertrauens in Praga habe ich dann einen Adapter und ein Kabel gekauft und konnte schon 24 Stunden nach meiner Anreise erfolgreich ins Internet.
Polnische Studies
So, nun wollte ich von den polnischen Studis erzählen. Ich habe sechs, drei Frauen und drei Männer. Darunter sind zwei, die demnächst nach Hannover kommen. Am Anfang der ersten Sitzung habe ich mich noch mehrmals verhaspelt, dann ging es immer besser. Ist aber natürlich ganz schön anstrengend alles auf Polnisch zu machen. Dafür war die Diskussion auf beiden Sitzungen ziemlich lebhaft, was ich ja erreichen wollte. Politische Partizipation von Frauenn ist offensichtlich noch nie angeboten worden. - Und was sonst so am Institut passiert, lässt mich froh sein, in Hannover zu arbeiten. So machen die DoktorandInnen hier bis zu 8 Stunden Unterricht wöchentlich. Ist es da ein Wunder, dass sie zu nix kommen? Meine Freundin Emilia hat sich beim DAAD beworben und ich kann nur hoffen, dass sie das Stipendium bekommt, dann kann sie sich nämlich ein Jahr der wissenschaftlichen Arbeit widmen und muss nicht drei Studi-Gruppen hintereinander das gleiche beibringen....

Dieses sind ein paar der Studierenden aus meinem Seminar.
8. Warschauer Fasnacht (Februar 2000)
Ende Februar war ich an einem tollen Happening. Pawel Althamer, Künstler, zog als Kind mit seinen Eltern in den 70er Jahren in eine Riesen-Plattensiedlung nach Bródno-Podgrodzie. Jetzt ist das eine Problemsiedlung - fehlende Freizeitangebote, Teenager-Societies in den verwahrlosenden Treppenhäuser, niemand kümmert sich um den eigenen Nachbarn usw. usf. Und da hatte er die Idee, in seinem Block könnten doch alle an einem Abend mit Licht in den Fenstern die Zahl 2000 leuchten lassen. Die Leute liessen sich überzeugen! Pfadfinderinnen trugen den Plan aus, wer das Licht anmachen und wer ausmachen sollte. Und dann kamen alle aus der Siedlung, Teenies, Kinder, Fotografen, Rentnerinnen, um zu gucken. Und es hat geklappt!. Um Punkt sieben ging auch das Licht vom bewachten Parkplatz vor dem Block aus und nur die "2000" leuchtete. Das war wie der Morgenstraich an der Basler Fasnacht, wenn morgens um vier auch die Strassenbeleuchtung ausgeht und nur die Laternen der Fasnachtscliquen leuchten... Moral von der Geschichte: Kollektives Handeln ist möglich!
fa
snacht
9. Internationaler Frauentag 2000
Das Schöne an meiner Dissertation ist, dass sich ihr Gegenstand fortlaufend weiterentwickelt und zwar positiv. Zum Internationalen Frauentag gab es denn auch eine ziemlich große Demo, also so mit 300 Leuten (statt mit 50 Leuten wie 1999). Zum Demo-Termin hätte ich eigentlich Seminar gehabt, aber ich sagte den Studis, sie könnten statt politische Paritzipation von Frauen in der Theorie nun politische Partizipation live erleben. In strömendem Regen, aber man kann nicht alles haben. Einige Eindrücke seht Ihr hier als Fotos. Und ich, ich war glücklich, mitten in meinen Forschungsobjekten laufen zu können und "going native". 
Die Forderungen der demonstrierenden Frauen und ihre Verkleidung, ihr Spaß, ihre Ironie - das alles wirkte sehr provozierend auf die polnische Öffentlichkeit; statt sich in Gremien (in welchen?) um Kompromisse zu bemühen, nehmen sie polnische Traditionen wie die Matka Polka auf den Arm. Diese, hier verkörpert von Katarzyna Miller, hat von allem genug - immer musste sie Kinder kriegen für den Befreiuungskampf, die Kinder in polnischer Sprache unterrichten, und was hat sie dafür bekommen? Ein Gedicht von Mickiewicz! Und dann, im Zweiten Weltkrieg, hat sie als Melderin und als Sanitäterin gearbeitet. Und was ist auf den Denkmälern zu sehen? Nur Männer und keine einzige Sanitäterin. Nee, nee, und im Sozialismus saß sie auf dem Traktor und hat zusätzlich dazu den Haushalt geschmissen! Jetzt sieht die Sache auch nicht besser aus, findet Matka Polka: jetzt hat sie keine Lohnarbeit mehr und sie soll zurück ins Haus und gut katholisch sein und ihren Mund halten, hat man sowas schon mal gehört? Nein, ihr reicht es wirklich! Und allen anderen Frauen in Polen sollte es auch reichen! Sie für ihren Teil müsse aber jetzt nach Hause, die Pierogi fertig machen.

Ein Student zeigt zudem eindrücklich, wie eng alle Ekelhaftigkeiten der Welt, hier Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus, beieinander stehen: "Feministinnen nach Madagaskar!" ist auf seinem Schild zu lesen.

Feministinnen in Polen bezeichnen sich manchmal als "akademische und Straßen-Feministin". Im Bild die Amerikanistin und Essayistin Agnieszka Graff.
10. Der wahre Tunneleffekt (März 2000)
Tunnel:
Einige von Euch erinnern sich sicherlich an Claus Offes Überlegungen zu den Dilemmata in Osteuropa: würde es soviel "revolutionäre Geduld" geben, d. h. würden viele Menschen in der Region es erstmal hinnehmen, dass es ihnen schlechter geht, damit der wirtschaftliche Transformationsprozess schnell vorangeht, in der Hoffnung darauf, dass der Aufschwung dann auch irgendwann zu ihnen kommt? Oder würden sie versuchen, den Prozess zu blockieren - würde es zu einem Tunneleffekt kommen? Der Tunneleffekt geht so: in einem Tunnel gibt es zwei Fahrspuren, auf beiden ist Stau. Dann geht es auf der einen Spur plötzlich weiter, auf der anderen tut sich nichts. Darum wechseln einige und dann immer mehr auf die Fahrspur, bis auch dort der Verkehr wieder zum Erliegen kommt.
Meine These: es kommt zu einem echten Tunneleffekt, weil der Tunneleffekt im übertragenen Sinne nicht eingetreten ist:
Warschau, Dämmerung, Mützentrag-Temperatur und Regen: in der Regel bricht in so einer Situation der Verkehr zusammen. Nur ich will es mal wieder aus Prinzip nicht glauben und warte erstmal 20 Minuten auf den Bus, der dann 45 Minuten von der Uni bis zum Centrum braucht (zu Fuss höchstens 15 Minuten). Was passiert? Es sind ein Haufen PKWs unterwegs, natürlich alle nur mit einer Person besetzt. Motto: alles für den privaten Individualverkehr - wir sind endlich wer! Busspuren? Ampelvorrangschaltungen? Schneller Ausbau der Metro? Nee, wieso denn, wir haben kein Geld. Rücksichtnahme, jemandem dem Vortritt lassen beim Abbiegen, auf dem Kreisel? Die Kreuzung freihalten, damit die anderen freie Fahrt haben? Nee, dann käme ich ja nicht so schnell voran! Und so blockiert sich der Verkehr selbst, weil so viele Leute nämlich zu den Transformationsgewinnern gehören, dass sie sich ein eigenes Auto leisten können. Die Befürchtungen, selbst nicht genug abzukriegen (=nicht schnell genug voranzukommen), spielen sich eben im Alltagsleben ab; wenn ich nach längerer Zeit nach Polen komme, so fliege ich aus der ersten Schlange, in die ich mich stelle, regelmäßig wieder raus, weil ich nicht genug aufgepasst habe und nicht schnell genug aufgerückt bin. Oft fehlen Schlangen auch ganz, ähnlich wie in der Schweiz: nur Menschentrauben...
Tiger
Die zweite Märzwoche war nicht so toll für die polnische Polizei. Erst wurden in Jelenia Góra zwei angeklagte Gangster im Gericht erschossen worden, als sie mit Pistolen und Granaten rumballerten. Die Waffen hatten Komplizen im Klo deponiert, auf das alle gehen - Zuschaür, Richter, Angeklagte. In Szczecin hat eine Anti-Terror-Einheit eine Wohnungstür aufgesprengt, so dass in umliegenden Häusern die Fensterscheiben zu Bruch gingen (250.000 PLN Schaden), weil sie in der Wohnung zwei mutmassliche Mörder vermuteten. Und in Warschau haben die Bullen gestern (im Laufen!) einen Tierarzt statt den entlaufenenen Tiger erschossen.
Eine sehr nette Geschichte hörte ich von einer Professorin der Warschauer Uni. Sie habe sich in Radom ereignet. Einem Mann wurde das Auto geklaut. Seine Tochter hatte um eine Ecke Beziehungen zur Radomer Unterwelt und versuchte, das Auto - gegen ein Lösegeld - evtl. wieder freizubekommen. Nun ja, hiess es, es täte ihnen sehr leid, das Auto sei eine Bestellung gewesen und es sei schon nicht mehr greifbar, aber die Versicherung käme doch sicher für den Schaden auf? Ja, ja, sagte der Mann, es sei nur problematisch, dass im Kofferraum einige Pelze gewesen seien und DAS würde die Versicherung nun wirklich nicht glauben. Nach einigen Beratungen bekam er die Nachricht: "Wir sind eine ordentliche Firma - das Auto ist weg - wir ersetzen Ihnen die Pelze."
Es ist keine Geheimnis, dass Korruption in Polen superweit verbreitet ist - bei Privatisierungen, klassisch im Falle von Bauaufträgen usw.zur Beschleunigung von , aber auch allgemein, so dass man das schon gar nicht mehr als Korruption wahrnimmt, etwa im Gesundheitswesen.
Und in der Presse ist dann immer mit einem Unterton der Empörung bzw. der Beleidigung zu lesen, wie ungerecht es sei, dass Polen doch nicht so schnell in die EU kommen soll.
11.Tischgesellschaft
Und dann bin ich mal wieder über Berlin zurückgefahren und habe etwas ganz Tolles gemacht. Also, erstmal war Berlin toll: Sonnenschein, kein Mützenwetter, warm, die Leute freundlich: der Berliner Taxifahrer sagt zu mir: "Sie wollen Taxi fahren. Das freut mich!" - Zwei von drei Warschauer Taxifahrern sagen zu mir hingegen nur "hmpf" - Gut. Dann habe ich morgens alle, die ich erreichen konnte, für abends zum Essen eingeladen. Meine Freundin Eva hatte mir vor einiger Zeit ihre Wohnung für ein solches Essen angeboten. Und dann haben wir zusammen eingekauft, Käsespätzle, Salat und Nachtisch gemacht. Da sassen wir dann zu zehnt und es war für mich etwas ganz, ganz Tolles, alle beisammen zu haben und zu klönen, Neuigkeiten zu hören und selbst welche zu erzählen. Mit diesem Essen wäre bewiesen, dass sich in der super-mobilen Gesellschaft (wo die E-Mail-Adressen beständiger sind als alles andere) sich doch dauerhafte soziale Bande pflegen lassen. Was natürlich auch von Gastgeberinnen abhängt, die ihre Wohnungen zur Verfügung stellen und auch noch Fotos machen :-)).
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© 2008 Gesine Fuchs | Zuletzt geändert am 24.07.2008