Gesine Fuchs

Polnische Frauenorganisationen in der Demokratisierung - Strategien und Erfolgsfaktoren

Fuchs, Gesine: Die Zivilgesellschaft mitgestalten – Polnische Frauenorganisationen im Demokratisierungsprozess. (Politik der Geschlechterverhältnisse Bd. 21). – Frankfurt/M.: Campus 2003. English

pol_demo.jpgWährend für ostmitteleuropäische Transformationsländer gute Forschungsergebnisse für die Relevanz der sog. institutionellen Minima einer demokratischen Konsolidierung vorliegen, sind die sozialen und politischen Prozesse, die einer demokratischen Festigung in den einzelnen Gesellschaften zugrunde liegen und diese positiv beeinflussen können, bisher nur ungenügend untersucht. Dabei sind Fragen, wie sich Geschlechterverhältnisse als Kernbereich der Transformation verändern und ob Frauen rechtlich und faktisch volle Bürgerinnen im politischen Gemeinwesen werden, ein Lackmustest der Demokatisierung selbst. In der vorliegenden Dissertation wird darum am Beispiel von Polen, des größten ostmitteleuropäischen Landes mit starken Traditionen sozialer Selbstorganisierung, untersucht, wie sich Frauen eine zivilgesellschaftliche Organisationsbasis verschafft haben, welche Konfliktlinien sich herausbildeten, welche Interessen und Konflikte sie auf die politische Agenda setzen konnten und mit welchen Mitteln und Strategien sie diese Interessen verfolgen. Inwiefern tragen sie als Teil der Zivilgesellschaft zur demokratischen Konsolidierung bei, verstanden als tatsächlich mögliche Entscheidung über eigene Angelegenheiten?
Dazu wurde ein qualitatives Sample von sechs Frauenorganisationen sowie das frauenpolitische Milieu in Polen insgesamt untersucht. Interviews mit Protagonistinnen, teilnehmende Beobachtung sowie die Analyse von Literatur und eines großen Bestands sog. Grauen Materials dienten als Quellen.
Die Untersuchung ergab, dass sich zivilgesellschaftliche Organisationen in Polen in einer Basisphase konkreter Problembearbeitung befinden, aber kaum in ein Interessenvermittlungssystem eingebunden sind. Bisherige Annahmen über die Demobilisierung der Zivilgesellschaft müssen revidiert werden. Aus dem Milieu der Frauenorganisationen hat sich etwa seit 1997 eine kleine soziale Bewegung entwickelt. Dafür war die Nutzung politischer Gelegenheiten (Abtreibungsdiskussion, Weltfrauenkonferenz in Beijing) Ausschlag gebend. Die Breite der Themen und formulierten Interessen – Arbeit und Qualifizierung, Gewalt, reproduktive Rechte und Gesundheit sowie Recht ergaben sich vor allem aus den konkreten von der Transformation geprägten Problemlagen polnischer Frauen. Praktische Gender-Interessen nach Beratung, sozialer Hilfe und Schulung sind in den Organisationen meist dialektisch mit strategischen Interessen nach autonomen Frauenidentitäten, Gleichheitsforderungen und Umsetzung von Rechten verknüpft. Darum sind die Vereinigungen besonders glaubwürdig. In ihren Strategien und Aktivitäten sind Rechte von zentraler Bedeutung. Rechtsberatung, Rechtsalphabetisierung und sowie Lobbying für faktische Rechtsgleichheit werden als essentielle Instrumente gesehen, Frauen individuell und kollektiv zu stärken. Mittels eines allgmeinen gesellschaftlichen Bezugsrahmens gelingt es größeren Organisationen mit sog. "Framing", die eigenen umstrittenen Forderungen in den Rahmen europäischer und internationaler Menschen- und Bürgerrechte sowie Übereinkommen zu stellen und so zu enttabuisieren und politisch zu legitimieren.
Polnische Frauenorganisationen als Teil der Zivilgesellschaft tragen durch die Einsedimentierung des Rechtsstaatsgedankens, die Kontrolle staatlichen Handelns, die offensive Verbreitung von Informationen, politische Bildung und Aktivierung, die offene Diskussion und Verbreitung neuer Frauenidentitäten wesentlich zur Stärkung individueller und kollektiver Handlungsfähigkeit und damit zur demokratischen Konsolidierung Polens bei. Ihre Wirksamkeit leidet unter ungenügenden Mechanismen der Interessensvertretung im politischen System, dem nach wie vor starken Staats-Gesellschafts-Antagonismus und darunter, dass die Legitimität politischer Organisierung von Fraueninteressen nur langsam wächst. Die Anschlussfähigkeit der politischen Positionen, Vernetzungsarbeit sowie sozialer Handlungsdruck ermöglichen weitere politische Erfolge der polnischen Frauenbewegung.

Weitere Informationen:

nach oben

© 2008 Gesine Fuchs | Zuletzt geändert am 22.04.2008